IDENTITÄTSSUCHE

Einst lebte in einem Land weit weg von Deutschland ein Mädchen. Ein Mädchen von hohem Wuchs, blondem Haar und blauen Augen. Ihre liebliche Stimme drang durch jede Wand und erhellte jedes Herz.

Niemand konnte ihr böse sein, denn ihre Seele schien so rein und unbefleckt, dass die Leute dachten, sie sei das Unschuldslamm in Person.

Jeden Tag kam sie fröhlich aus ihrem Haus und ging fröhlich wieder hinein, doch niemand wusste, wie sie den restlichen Tag nutzte.

"Ach Lieschen, warum lebst du noch allein?"

Herr Müller schaute mir nach. Sein geiernder Blick war unübersehbar. Ich antwortete höflich: "Herr Müller, Sie wissen doch, dass ich nicht allein lebe."

"Aber deine Großmutter ist doch keine dauerhafte Gesellschaft für dich!"

"Ihre Gesellschaft ist für mich das Beste, was es gibt, aber ich denk darüber nach."

"Gute Entscheidung, Schätzchen."

Herr Müller verabschiedete sich und ich lächelte ihm gespielt zu, dann ging ich in das Haus.

Die Kälte drang sofort in jede meiner Fasern. Zuerst in den Kopf, dann in die Schultern, in den Magen, in die Beine und zuletzt in das Herz.

Diese Erinnerungen rauben mir fast jedes Mal den Verstand. Ich zog mich aus und nahm mein weißes Kleid vom Körper und zog einen schwarzen Mantel über meine nackte Haut. Ich ging im Haus auf und ab und jeder Schritt kam mir vor, wie ein endloser Gang in einem Moor.

Als ich an dem Bett meiner verblichenen Oma vorbeikam, sackte ich endgültig ein. Dieser Ballast von all diesen Sorgen zwang mich in die Knie.

Das Haus verband alles, was mich belastete, wahrlich alles. Beim Verlassen konnte ich dies alles loslassen, ich legte die dunkle Wahrheit ab und streifte eine weiße Hülle von Unschuld über, die mich rein erschienen ließ. Das war die Wahrheit, vielleicht eine harte, aber ich kam zu der Erkenntnis, dass ich mich nicht länger verstellen konnte.

Mit jedem Sonnenumlauf, der einherging, vergrößerte sich die Last, die auf mir lag.

Das Verdrängen der Sorgen führte zu weiteren Sorgen. Ein endloser Zyklus.

Die Sonnenstrahlen schienen ein paar Sekunden auf mich, als ich das Haus verließ. Ich spürte die Wärme auf meinem schwarzen Mantel.

Obwohl es nur wenige Sekunden waren, lagen alle Blicke jener Menschen, die mich nie zuvor so gesehen hatten, auf mir.

Sie sahen nicht die Hülle, sondern den Kern, so wie ich war. Das Entsetzen bemerkte ich, doch ich fühlte das erste Mal seit langer Zeit die Reinheit meiner Seele. Alles fiel ab und ich fühlte mich nicht unwohl damit, so zu sein, wie ich wirklich war.

Sie wurde danach von der Gemeinschaft nicht mehr so gesehen wie vorher.

Sie war nun wie sie war und das war wahr.

 

Ein TEXT von TOM HARTMANN,

Philosophieschüler des Phoenix-Gymnasiums Wolfsburg-Vorsfelde, Jahrgang 10

 

TEXT und ZEICHNUNG stammen von LISA ALBRECHT,

Philosophieschülerin des Phoenix-Gymnasiums Wolfsburg-Vorsfelde, Jahrgang 10

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